Große Erwartungen, große Ernüchterung – Das Lied des Dionysos bleibt hinter seinem Potenzial zurück
Zunächst einmal möchte ich sagen, dass ich mich wirklich sehr gefreut habe, als ich Das Lied des Dionysos als ARC vom Verlag über NetGalley erhalten habe. Ich hatte zuvor schon viel Positives über Natasha Pulley gehört, ihre anderen Werke wurden von vielen Leser:innen hochgelobt, und dementsprechend hoch war meine Vorfreude auf dieses Retelling. Besonders der Klappentext versprach eine spannende Mischung aus Mythologie, Geschichte und einem Hauch von Fantasy. Leider musste ich schon nach den ersten Kapiteln feststellen, dass Das Lied des Dionysos für mich persönlich eine große Enttäuschung war.
Through NetGalley I received an advance review copy (ARC) for free, and I am leaving this review voluntarily.

Das Lied des Dionysos by Natasha Pulley
Original Title: The Hymn to Dionysus
Genre: Greek, Historical Fantasy, Mythology, Retelling
Translator: Michael Pfingstl
Published on 16. Aug 2025 by Klett-Cotta
Initial Release: 18. Mar 2025
Pages: 586
Format: ARC, Kindle Edition
ASIN: B0F66Q8MVQ
Language: German
Original Language: English
Source: NetGalley
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My rating: | Spice:
Der junge Krieger Phaidros rettet in Theben ein ausgesetztes Baby, von dem eine ganz eigenartige Faszination ausgeht, vor dem sicheren Tod und bringt es zum Tempel der Artemis, in dem verwaiste Kinder aufgezogen werden. Wer kann schon ahnen, dass mit dem kleinen Jungen unvergleichliches Unheil über ganz Theben, ja über der ganzen Welt aufzieht.
Was hat es mit dem Findlingskind auf sich? Ist es ein Bastard oder vielleicht gar von Zeus gezeugt? Jahre später, Troja ist gefallen und die Soldaten um Phaidros rüsten die Schiffe zur Heimfahrt. Da begegnen sie auf einer Insel einem seltsam schönen Jüngling und nehmen ihn gefangen. Ihm droht nun das Los als, Sklave verkauft zu werden, - was für ein Frevel! Das Kentern des Schiffs ist erst der Beginn einer verheerenden Rache, des gedemütigten Dionysos. Über Theben breitet sich eine nie dagewesene Dürre aus. Aber noch eine seltsame Macht ergreift Gemüt und Verstand der Menschen, der Wahnsinn geht um. Und doch hängt das Herz von Phaidros an dem Gott, der ihm in vielerlei Gestalt begegnet.
Natasha Pulley erzählt so spannend und lebendig von der Antike, als wäre es gestern gewesen.
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Das Lied des Dionysos ♦ Natasha Pulley
Eine Rezension
Meinung
Eines der größten Probleme, die ich beim Lesen hatte, war der Schreibstil. Vielleicht liegt es teilweise an der deutschen Übersetzung, vielleicht aber auch am Original – auf jeden Fall fühlte sich die Sprache unglaublich zäh an. Flüssiges, mitreißendes Lesen war kaum möglich. Stattdessen hatte ich das Gefühl, mich durch dickes Leder zu arbeiten, das sich nicht geschmeidig formen lässt – eine passende Assoziation, wenn man an die thematische Nähe zur Bronzezeit denkt, aber bedauerlicherweise alles andere als angenehm. Pulley versucht zwar, atmosphärisch dicht zu schreiben, doch für mich verfehlte sie ihr Ziel: Anstatt episch oder poetisch zu wirken, stolperte ich von Satz zu Satz und verlor irgendwann schlicht die Lust, mich weiter durch den Text zu quälen.
Ein weiterer großer Kritikpunkt ist die Darstellung von Dionysos und der Mythologie. Wenn schon ein so prägnanter Gott der griechischen Weltgeschichte und -mythologie im Zentrum eines Romans steht, dann erwarte ich, dass zumindest ein gewisser Respekt gegenüber den überlieferten Mythen und Figuren gewahrt bleibt. Doch hier hatte ich eher den Eindruck, dass mythologische Elemente nach Belieben neu erfunden oder umgedeutet wurden, ohne Rücksicht auf die Kohärenz. Natürlich erlaube ich Autor:innen in diesem Genre künstlerische Freiheit, aber hier war das Maß für mich überschritten. Dionysos wirkt mehr wie eine blasse Projektionsfläche, die abwechselnd skurril, unheimlich oder völlig unpassend agiert. Der Reiz des vielschichtigen, widersprüchlichen Gottes geht dadurch völlig verloren.
Darüber hinaus störte mich massiv, dass Pulley scheinbar beliebig mit verschiedenen Zeitaltern der griechischen Kultur jonglierte. Mal gibt es Anspielungen auf archaische Bräuche, dann wieder Elemente, die klar ins klassische oder gar hellenistische Griechenland gehören. All das wird in einem Topf verrührt, sodass am Ende ein anachronistischer Mischmasch entsteht, der wenig mit der Bronzezeit in Theben zu tun hat. Und genau das ist der Punkt: Wenn ich ein Buch lese, das einen Krieger aus der Bronzezeit in Theben als Hauptfigur hat, dann möchte ich mich auch in dieser Zeit und diesem Ort verankert fühlen. Stattdessen hatte ich ständig das Gefühl, mich in einer Art zeitloser Fantasieversion Griechenlands zu bewegen, die mehr Unschärfe als historische Dichte bietet. Das hat mich immer wieder aus der Geschichte herausgerissen.
Die Handlung selbst ließ mich leider ebenso ratlos zurück. Sie mäandert von Episode zu Episode, ohne dass ein klarer roter Faden erkennbar wäre. Unwichtige Ereignisse um Dionysos werden breit ausgewalzt, während die eigentliche Haupthandlung nur mühsam vorankommt. Schon nach etwa 45 % des Buches habe ich nur noch quer gelesen, weil mich weder Figuren noch Plot wirklich packten. Und das ist für mich ein klares Zeichen, dass ein Roman sein Ziel verfehlt hat: Ich hatte am Ende nicht einmal das Gefühl, dass ich etwas Entscheidendes verpasst hätte. Der Spannungsbogen blieb flach, die Figuren wirkten austauschbar, und die eigentliche Tragik, die eine Geschichte um Dionysos so kraftvoll machen könnte, kam nie richtig zum Tragen.
Besonders schade finde ich, dass hier eine großartige Idee verschenkt wurde. Das Lied des Dionysos hätte mit sorgfältiger Recherche, mehr Respekt vor der Mythologie und einem klareren Fokus auf die Handlung ein wirklich beeindruckendes Werk werden können. Das Potenzial war da: Ein Findelkind, ein mythischer Gott, Theben als Schauplatz, dazu die Folgen von Hybris, Wahnsinn und göttlicher Rache – alles Zutaten für ein packendes, düsteres Epos. Doch was ich stattdessen bekam, war ein schwerfälliger Text, der historische, mythologische und narrative Elemente lieblos zusammenwürfelt, ohne sie zu einem stimmigen Ganzen zu verweben.
Fazit
Leider keine Empfehlung. Wer sich für die griechische Mythologie interessiert und Wert auf historische Genauigkeit legt, wird hier wahrscheinlich genauso wie ich enttäuscht sein. Für mich ist es bei 2 Sternen geblieben – einer für die Grundidee, einer für die durchaus interessante Ausgangssituation im Klappentext. Aber mehr ist es enttäuschenderweise nicht geworden

diese Rezension wurde auch hier veröffentlicht:
weitere Rezensionen:
- Das Lied des Dionysos von Natasha Pulley von Weltenwanderer
- [Fantasy] Das Lied des Dionysos von Der Büchernarr











Schönen guten Morgen!
Das ist wirklich sehr schade!
Ich hab in meiner Rezension ja geschrieben, dass mich der Stil an alte Sagen erinnert – an klassische Bücher (die ich oft meide wegen zäher Schreibweise), aber hier hat mich die Geschichte einfach eingesogen 🙂
Ich fand die Erzählung – ja nicht spannend, aber fesselnd. Ich war einfach drin und wollte wissen wie es weitergeht und gerade, nicht zu wissen wo es hinführt, hat für mich den gewissen Reiz ausgemacht.
Dass hier verschiedene Mythen vermischt werden oder „neu interpretiert“ hat man in sehr vielen Retellings. Da wird ja oft alles verdreht oder neu erfunden, deshalb seh ich da jetzt keinen Kritikpunkt. Ich fand Dionysos sehr genial dargestellt, gerade in der Rolle, die er hat und wie er die Welt damit beeinflusst. Ich fand das großartig!
Und es ist immer wieder interessant, wie unterschiedlich Stil oder Ausführung gesehen wird. Auch wenn ich natürlich gehofft habe, dass es dir ebenso gut gefällt <3
Liebste Grüße, Aleshanee
Hey Aleshanee,
ich finde es auch schade, dass es mich nicht packen konnte. Ich denke, wenn das Buch nur halb so lang gewesen wäre und sich nicht in unwichtigen Szenen dauernd verloren hätte, wäre es wohl auch bei mir besser angekommen.
Aber so ist es eben. Nicht jedem können alle Bücher immer gefallen.
Ich habe keine Problem, wenn Mythen neu interpretiert, also neu erzählt werden, und es demnach auch sicher Änderungen gibt. In denen, die ich bisher allerdings gelesen habe, war dies besser umgesetzt.
Hier hat mich auch einfach der Mischmasch der geschichtlichen Epochen total gestört. Denn die Autorin hat versucht authentisch zu erzählen, dabei für mich allerdings zu viel in den Topf geworfen.
Cheerio
RoXXie
Huhu RoXXie,
Ich habe von dem Buch noch nichts gehört. Glaube es wäre auch nicht unbedingt mein Interessen Gebiet und nach deiner (übrigens sehr gelungenen) Rezension, noch weniger ^^“. Schade das es dich nicht begeistern konnte, aber wenn weder Charaktere noch der Schauplatz bzw. die Umsetzung nicht gelungen sind, kann ich es sehr gut verstehen.
Muss etwas anderes aber noch fragen: Du hast geschrieben, das es bei dir bei 2 Sternen bleibt, mir werden aber vier angezeigt? Ist das ein Anzeige Bug bei mir? ^^
Liebe Grüße und auf ein gutes nächstes Buch!
Hey,
vielen Dank für den Hinweis, da war wohl der Fehlerteufel am Werk. Nun zeigt es definitiv 2 Sterne an. 😀
Es wundert mich eigentlich, dass du von Das Lied des Dionysos noch nichts gehört hast. Aktuell sehe ich es sehr oft. Aber das macht nichts, wenn Mythologie Retellings und Historical Fantasy nicht so deins sind, dann hast du auch nichts verpasst.
Für mich ist das Buch ja weit hinter dem möglichen Potenzial zurückgeblieben. Schade, denn ich wollte das Buch wirklich mögen.
Cheerio
RoXXie
Hi RoXXie,
ich weiß, was Du meinst und habe das in meiner Rezension auch bemängelt. Ich habe das Buch nicht ganz so massiv abgestraft wie Du, weil mir der Schreibstil der Autorin im Grunde genommen zusagt, auch wenn er etwas gewöhnungsbedürftig ist.
Zu meinem Review
Viele Grüße
Frank
Hey Frank,
ja, mit den Schreibstilen ist es schon so eine Sache. Manchen Leser:innen gefällt es, andere kommen damit überhaupt nicht klar. Ich bin mir aktuell noch nicht sicher, ob ich anderen Büchern der Autorin eine Chance gebe. In jedem Fall würde ich vorher reinlesen.
Ich komme gleich mal bei dir vorbei und werde deine Rezi noch hier verlinken.
Cheerio
RoXXie
PS: Ich habe deinen Kommentar hier bearbeitet, damit der Link richtig angezeigt wird. Bei mir gibt es am unteren Rand des Kommentarfeldes die Möglichkeit einen bestimmten Teil zu verlinken. HTML Code wird leider nicht angezeigt.