Mehr als nur Schockrock | Der Mensch hinter Marilyn Manson
Es gibt Bücher, die unterhalten. Es gibt Bücher, die schockieren. Und dann gibt es Bücher, die einem dabei helfen, einen Menschen und gleichzeitig die Kunstfigur, die er erschaffen hat, überhaupt erst zu begreifen. The Long Hard Road Out Of Hell gehört für mich ganz klar in die letzte Kategorie.

The Long Hard Road Out Of Hell by Marilyn Manson, Neil Strauss
Original Title: The Long Hard Road Out Of Hell
Genre
Der Begriff Genre bezeichnet eine Kategorie oder Gattung von... More: Abuse, Adult, Biographie, Music, Non-Fiction Translator: Christoph Gurk
Published on 02. Jan 2007 by Hannibal Verlag
Pages: 355
Format: Hardcover
ISBN-13: 9783854451822
Language: German
Original Language: English
Source: Amazon
My rating: |
Mit diesem Buch legt der umstrittenste Rockstar der Welt seine aufschlussreiche und schockierende Lebensgeschichte vor. In The Long Hard Road Out Of Hell erzählt Marylin Manson offenherzig und schonungslos seine Metamorphose vom gottesfürchtigen Schuljungen zu einem der am meisten gefürchteten Popidole der Welt.
Der Großvater, der sich als Frau verkleidet, ein Junge, der die Nachbarskinder sexuell belästigt, ein Gesundbeter, der seinen Klienten eine Gehirnwäsche verpasst, und ein Lehrer, der in Rocksongs nach satanischen Botschaften sucht - das sind nur einige der vielen merkwürdigen Charaktere, die Marilyn Mansons bizarre Kindheit bevölkern.
Sein Lebensweg ist eine wilde Reise, die aus dem Backstage-Raum in der Gefängniszelle, aus dem Tonstudio zur Notaufnahme und aus den Abgründen der Verzweiflung an die Spitze der Hitparaden führt. Marilyn Manson hat seinen Aufstieg mit dem Verlust der Menschlichkeit bezahlt. Sein Leben gleicht dem Abstieg in die Höklle, wie ihn Dante in seiner "Göttlichen Komödie" beschrieben hat. Der Leser wird in einen Strudel gezogen, in dem Lust, Gewalt und Verrat regieren.
Marilyn Mansons Autobiographie ist ein Kultbuch allererster Güte, liebevoll ausgestattet mit zahlreichen bislang unveröffentlichten Fotos, Illustrationen, philosophischen Lesefrüchten und dem Tagebuch der skandalträchtigen Dead To The World -Tour, mit der Marilyn Manson Ende der Neunziger Jahre die amerikanische Öffentlichkeit gegens ich aufbrachte.
Die zehnte Auflage bringt das Buch mit einem Update des Musikjournalisten Maik Koltermann und einer ergänzten Diskografie auf den Stand von 2006.
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The Long Hard Road Out Of Hell ♦ Marilyn Manson
Eine Rezension
Meinung
Wer Marilyn Manson ausschließlich auf sein Äußeres reduziert oder ihn nur über Schlagzeilen und Vorurteile definiert, wird dieses Buch vermutlich nie lesen. Genau deshalb halte ich seine Autobiografie für so wichtig. Denn unabhängig davon, ob man seine Musik liebt oder mit ihr nichts anfangen kann, bietet dieses Buch einen tiefen Einblick in das Leben von Brian Hugh Warner, dem Menschen hinter der Kunstfigur Marilyn Manson.
Der Mensch hinter der Kunstfigur
Schon die ersten Kapitel machen deutlich, dass seine Kindheit alles andere als gewöhnlich war. Manson erzählt von einem streng religiösen Umfeld, von einer Welt voller Widersprüche und von Menschen, die selbst kaum in gesellschaftliche Normen passten. Sein exzentrischer Großvater, bizarre Begegnungen, religiöser Fanatismus und die teilweise erschreckenden Erfahrungen seiner Jugend zeichnen das Bild einer Persönlichkeit, die früh gelernt hat, dass Normalität oft nur eine Fassade ist.
Dabei spart er nichts aus. Seine Erinnerungen sind roh, provokant, teilweise verstörend und häufig von schwarzem Humor durchzogen. Gerade diese schonungslose Offenheit macht das Buch für mich so faszinierend. Man muss nicht jede Entscheidung gutheißen oder jede Sichtweise teilen, um zu erkennen, wie sehr diese Erlebnisse den späteren Künstler geprägt haben.
Vom Brian Warner zu Marilyn Manson
Besonders spannend fand ich den Weg vom schüchternen Brian Warner hin zur Kunstfigur Marilyn Manson. Im Laufe der Autobiografie wird deutlich, dass Marilyn Manson nie einfach nur ein Musiker sein wollte. Die Figur sollte provozieren. Sie sollte anecken. Sie sollte der Gesellschaft den Spiegel vorhalten und genau dort Schmerzen verursachen, wo sie ihre eigenen Widersprüche am liebsten versteckt.
Gerade dieser Aspekt wird meiner Meinung nach bis heute häufig übersehen. Viele Menschen urteilen ausschließlich über das Äußere oder einzelne Bühnenshows, ohne sich jemals ernsthaft mit den Texten, Interviews oder den Gedanken hinter der Figur beschäftigt zu haben. Natürlich lebt Marilyn Manson von Provokation. Das ist kein Zufall, sondern das Fundament seines gesamten künstlerischen Konzepts. Seine Kunst richtet sich gegen Doppelmoral, gesellschaftliche Heuchelei, religiösen Machtmissbrauch und politische Inszenierungen. Dass eine solche Figur polarisiert, ist daher nicht etwa ein Nebeneffekt, sondern genau das Ziel.
Gerade Ende der 1990er-Jahre wurde Marilyn Manson von zahlreichen Medien und insbesondere konservativen sowie christlich geprägten Organisationen in den USA beinahe zum personifizierten Feindbild erklärt. Oft entstand dabei der Eindruck, dass weniger seine tatsächlichen Aussagen oder seine Musik im Mittelpunkt standen als vielmehr seine Erscheinung. Wer jedoch dieses Buch liest, erkennt schnell, wie oberflächlich viele dieser Urteile gewesen sind. Ironischerweise wurde dabei nicht selten mit einer Härte und Intoleranz reagiert, die den propagierten christlichen Werten von Nächstenliebe und Verständnis selbst widersprach.
Mehr als nur eine Rockbiografie
Was mir besonders gefallen hat, ist, dass das Buch weit mehr ist als die klassische Erfolgsgeschichte eines Rockstars. Es zeigt den oftmals chaotischen Weg einer Band, die Anfänge der Musikszene in Florida, die ersten Tourneen, Rückschläge, Exzesse, kreative Prozesse und den stetigen Kampf gegen öffentliche Vorverurteilungen. Dabei wechseln sich ernste Passagen mit grotesken Anekdoten und überraschend philosophischen Gedanken ab. Immer wieder wird deutlich, wie intelligent Brian Warner seine Kunst konzipiert hat und wie bewusst er kulturelle, religiöse und gesellschaftliche Symbole einsetzt.
Besonders gelungen finde ich außerdem die Ausstattung dieser Ausgabe. Die zahlreichen Fotografien, Illustrationen, philosophischen Einschübe sowie das Tourtagebuch der Dead To The World – Tour machen das Buch zu weit mehr als einer gewöhnlichen Musikerbiografie. Es fühlt sich vielmehr wie ein Blick hinter den Vorhang einer der kontroversesten Bühnenfiguren der Musikgeschichte an.
Natürlich ist dieses Buch nichts für jeden. Es enthält explizite Schilderungen von Gewalt, Drogen, Sexualität und Selbstzerstörung. Manche Passagen sind schwer zu ertragen, andere bewusst überzeichnet. Genau deshalb sollte man diese Autobiografie weder als moralischen Leitfaden noch als Tatsachenbericht über jede einzelne Episode lesen, sondern als subjektive Lebensgeschichte eines Künstlers, dessen gesamtes Werk mit Inszenierung, Symbolik und Überzeichnung spielt.
Für mich steht nach der Lektüre eines fest: Wer Marilyn Manson verstehen möchte, sollte nicht bei Schminke, Kontaktlinsen und Bühnenshows stehen bleiben. Man muss sich mit Brian Warner beschäftigen. Mit seiner Vergangenheit. Mit seinen Erfahrungen. Mit seinen Texten. Erst dann beginnt man zu erkennen, warum die Figur Marilyn Manson genau so aussieht, spricht und provoziert, wie sie es tut.
Fazit
The Long Hard Road Out Of Hell ist unbequem, intelligent, verstörend und außergewöhnlich ehrlich. Eine Autobiografie, die weit über Sex, Drugs & Rock’n’Roll hinausgeht und stattdessen den Menschen hinter einer der umstrittensten Kunstfiguren der modernen Musikgeschichte sichtbar macht. 5 Sterne, ohne Wenn und Aber!

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Guten Morgen RoXXie,
ich lese zwar gerne Biografien, aber die von Marily Manson hat mich nicht gereizt. Aber ich gehe mal ganz stark davon aus, dass es immer hinter einer solchen Fassade brodelt und es immer viel zu verarbeiten gibt. Mir persönlich war und ist es immer eine Spur zu dick aufgetragen, wie er auftritt, auch wenn mir seine Musik hier und da gefällt.
Aber spannend, dass Du eine Biografie als Review Showcase zeigst. Ist mal was anderes.
Herzliche Grüße
Frank
Hallöchen Frank,
ja, ich kann verstehen, wenn man bestimmte Aspekte, durch die er polarisiert, als „zu dick aufgetragen“ ansieht. In Verbindung zu seinen Texten, seinen Aussagen und eben auch seiner Vergangenheit habe ich teils sogar die Auffassung, dass es noch nicht übertrieben genug ist. 😀
Dass dir seine Musik gefällt hätte ich jetzt, ehrlich gesagt, nicht wirklich vermutet. Aber das ist eine tolle Überraschung. 😀
Cheerio
RoXXie
Schönen guten Morgen!
Eine interessante Rezension zu einer interessanten Persönlichkeit.
Ich kenne den Musiker auch nur durch das auffällige Aussehen und aus den Nachrichten. Ich hab mich weder mit seiner Musik noch mit seinen Songtexten oder seiner Person beschäftigt. „Verurteilt“ hab ich ihn aber nie 🙂
Ich mochte es früher schon nicht, wenn Mädels das übliche „Lästern“ von sich gegeben haben und mit den Jahren hab ich versucht, es komplett aufzugeben. Wir haben natürlich unsere vorgeprägten Bilder im Kopf und vieles, was wir sehen, löst automatisch Urteile aus. Aber man kann ganz gut lernen, das wieder zu verlernen 😉
Haarfarbe, Frisur, Kleidung etc. das sagt natürlich etwas aus. Immerhin entscheiden sich die Menschen ja jeden Tag, wie sie außer Haus gehen. Aber ich möchte mir nicht das Recht anmaßen, darüber zu urteilen. Ich wundere mich, ich vermute einiges, aber ich verurteile nicht.
Auch nicht Marilyn Manson oder Brian Warner, wie er eigentlich heißt.
Mit vermuten meine ich, dass mir an sich klar ist, wenn sich jemand so der Öffentlichkeit zeigt, ist viel passiert in seinem Leben.
Du hast geschrieben: Seine Kunst richtet sich gegen Doppelmoral, gesellschaftliche Heuchelei, religiösen Machtmissbrauch und politische Inszenierungen.
Das kann ich mir bei ihm gut vorstellen, denn alles an ihm schreit ja regelrecht nach dem Entgegenwirken allen Konformen und dem Entzug des „normalen“.
Lesen muss ich sowas allerdings nicht 🙂 Ich hatte ja schon mal erwähnt, dass mich die Hintergründe von Autoren auch eigentlich nicht wirklich interessieren. Aus den Büchern / Geschichten kann man schon sehr viel herauslesen und ich hab genug Menschen in meinem Umfeld, denen ich meine Aufmerksamkeit schenken möchte. Da fehlt mir einfach das Interesse…
Aber ich finde es toll, dass Menschen aus sich herauskommen und den anderen sagen, ob in Liedern, Büchern, überhaupt in der Kunst, was in ihnen vorgeht und was sie falsch finden an den gesellschaftlichen Bildern die alles übertünchen.
Wir wissen nie was in anderen Menschen vorgeht – und egal ob so auffällig oder unscheinbar, jeder hat viel Gepäck und deshalb sind Urteile von außen immer sinnfrei.
Liebste Grüße, Aleshanee
Huhu Aleshanee,
deine Worte über „Gerüchte verbreiten“ oder „Urteile zu fällen“ unterschreibe ich genauso.
Auch versuche ich mein Kind auf diese Weise zu erziehen und habe ihm mal gesagt: „Zu den Äußerlichkeiten eines Menschen, die er nicht innerhalb von 5 Minuten ändern kann, hast du deine Meinung für dich zu behalten.“ Damit meine ich halt eben, wenn man Essen zwischen den Zähnen hat, der Hosenstall offen ist etc. Also wirklich Dinge, die man schnell verbessern kann an sich selbst.
Ich erwische mich auch ab und zu noch dabei, wie ich andere Menschen im Kopf „vorverurteile“, aber das passiert irgendwie eher unbewusst. Da mir total egal ist, was andere für Klamotten anhaben, welche Frisur sie tragen oder ob sie geschminkt sind oder nicht. Allerdings habe ich, aufgrund meines Berufes, ein gewisses Gespür entwickelt, dass ich mir merke, was Leute in meinem unmittelbaren Umfeld tragen und wie viele Tage am Stück etc. Dann nehm ich mir die auch mal zur Seite und frage ernsthaft, ob es ihnen gut geht.
Was Biografien angeht, dann lese ich da auch nicht alle. Sportler zum Beispiel interessieren mich überhaupt nicht. Also diese ganzen Fussballer-Biografien gehen an mir vorbei. Doch gerade solche polarisierenden Menschen finde ich total spannend, weil viele sie wirklich verkennen und nicht zuhören, teils sogar einfach nicht wollen, eben wegen des Äußeren.
Seine Figur als Marilyn Manson kann einem optisch schon Angst machen und ja, bei ihm schreit alles danach unbedingt aufzufallen. Doch ich kann mir vorstellen, besonders nach dem ich seine Biografie gelesen habe, dass er als Brian Warner auch einfach eine verletzte Seele ist, die sich mit diesen Äußerlichkeiten versucht zu schützen. Denn was er zu erzählen hat, aus seiner Vergangenheit, ist definitiv kein Zuckerschlecken.
Cheerio
RoXXie
Das „vorverurteilen“ passiert auch automatisch denke ich – ich nenne das aber eher „einschätzen“ denn natürlich sondiert man im Kopf, wen man vor sich hat. Und das geht nunmal als erstes über das Aussehen. Wichtig ist dabei einfach nur, nicht schon ein Urteil zu fällen 🙂 Vor allem kein negatives.
Finde ich toll dass dich diese Menschen interessieren, das ist alles gut für das Feingefühl und hilft einem auch selbst weiter, besser auch auf die Nuancen zu hören die einen selbst betreffen.
Da hab ich z. B. ein Vorurteil, was ich wahrscheinlich in meinem Leben auch nicht mehr wegbekomme: für mich sind alle Menschen, die sich so krass in Szene setzen wie der Herr hier (oder ähnliches machen) alle verletzt. Überhaupt sind sehr viele – wenn nicht alle – auf irgendeine Weise verletzt, es kommt eigentlich nur darauf an wie schwer und wie sie es verarbeiten können.
Das merkt man sehr gut wenn man viel mit Menschen zu tun hat, denn das ganze Benehmen, die Kleidung, das spiegelt das wider. Übrigens auch gerade in den Büchern von Fredrik Backman merkt man das, denn er pickt sich gerade solche Leute raus. Die eigentlich niemand ausstehen kann – und lässt dann hinter die Maske blicken. 😉
Einschätzen klingt definitiv besser, als „vorverurteilen“. Und ja, das passiert automatisch und das eben auch unterbewusst.
Besonders wenn man viel mit Menschen zu tun hat, hat man eben auch einiges an Erfahrung bereits gesammelt.
Ich denke auch, dass viele mit solch einer Polarisierung viel von sich selbst, ihrer wahren Natur, verstecken wollen, eben weil sie verletzt wurden.