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Romantasy – Eine nichtssagende Genrebezeichnung Kolumne

Romantasy – Eine nichtssagende Genrebezeichnung | Kolumne

Die moderne Literaturwelt ist voller Subgenres und Begrifflichkeiten, die Leser:innen Orientierung bieten sollen. Ein Begriff, der sich in den letzten Jahren besonders im Jugendbuch- und New-Adult-Bereich etabliert hat, ist Romantasy – eine Wortschöpfung aus Romance und Fantasy. Was auf den ersten Blick wie eine praktische Zusammenfassung zweier populärer Genres erscheint, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als nichtssagend – ein Etikett, das mehr verschleiert als erklärt.

Zwischen Liebe und Magie – doch wo liegt der Fokus?

Romantasy suggeriert eine gleichwertige Verbindung von Liebesgeschichte und fantastischem Setting. Doch was genau bedeutet das inhaltlich? Ist es eine Liebesgeschichte mit magischem Hintergrund oder eine epische Fantasy-Erzählung, in der romantische Verwicklungen eine Nebenrolle spielen? Der Begriff lässt dies offen. Er beschreibt lediglich, dass beides vorkommt – nicht aber wie, in welchem Umfang oder mit welchem erzählerischen Schwerpunkt.

Romantasy Goodsreads

Ein High-Fantasy-Roman mit einem Liebespaar? Eine Urban-Fantasy-Novelle mit kitschiger Dreiecksbeziehung? Oder eine romantische Geschichte, die zufällig in einer Welt mit Drachen spielt? All das fällt unter Romantasy. Die Kategorie wird so breit gefasst, dass sie kaum mehr hilfreich ist – weder für Leser:innen auf der Suche nach einem bestimmten Leseerlebnis noch für Autor:innen, die sich genretechnisch positionieren möchten.

Allein bei Goodreads sind fast 30,000 Bücher mit Romantasy gelistet.

Die Inflation der Genrebegriffe

Literarische Genres dienen der Orientierung. Sie helfen dabei, Erwartungen zu formulieren und Bücher bestimmten Traditionen oder Zielgruppen zuzuordnen. Doch Begriffe wie Romantasy sind Ausdruck einer wachsenden Inflation von Mischbezeichnungen, bei denen oft mehr Wert auf Marketing und Umsatz als auf inhaltliche Präzision gelegt wird.

Der Begriff taucht häufig in Verbindung mit TikTok-Trends, Bookstagram-Empfehlungen oder schnell konsumierbaren Bestsellerlisten auf. Dabei wird selten geklärt, was das Buch tatsächlich ausmacht – ob es etwa worldbuilding-orientierte High Fantasy ist, ob die Liebesgeschichte queer ist oder ob das Magiesystem eine zentrale Rolle spielt. Stattdessen wird das Etikett Romantasy als Sammelbegriff verwendet – ein Container für alles, was sich zwischen Herzschmerz und Zauberstab bewegt.

Leser:innen bleiben im Unklaren

Das Problem liegt nicht nur in der Unschärfe des Begriffs, sondern auch in den fehlenden Qualitätsstandards. Ein Romantasy-Roman kann literarisch hochwertig oder inhaltsleer sein, spannend oder klischeehaft. Die Bezeichnung sagt nichts über Ton, Stil, Altersempfehlung oder narrative Tiefe aus. Während andere Genrebegriffe – wie etwa Space Opera, Dark Fantasy oder Historical Romance – zumindest gewisse Erwartungen an Setting, Atmosphäre oder Struktur transportieren, bleibt Romantasy erstaunlich vage.

Zudem vernachlässigt der Begriff die Diversität innerhalb der Fantasy: Steampunk-Fantasy? Gothic-Fantasy mit Romance-Anteil? High Fantasy mit politischer Intrige und Liebesgeschichte? All diese differenzierten Spielarten werden unter demselben Banner vermarktet, was zu Enttäuschungen bei den Leser:innen führen kann – insbesondere, wenn sie spezifische Erwartungen an Inhalt, Tiefe oder Themenvielfalt haben.

Ein Appell an Präzision und Vielfalt

Es ist verständlich, dass Verlage und Plattformen einprägsame Begriffe suchen, um Bücher sichtbar zu machen. Doch das darf nicht auf Kosten der inhaltlichen Klarheit gehen. Wer Romantasy schreibt oder liest, sollte genauer hinschauen und differenzieren: Handelt es sich um romantische Fantasy? Oder um eine Fantasy-Welt mit romantischem Fokus? Ist der Plot romance-getrieben oder ist die Liebe nur ein Aspekt von vielen?

Statt sich auf vage Genrebezeichnungen zu verlassen, wäre es zielführender, Bücher präziser zu beschreiben – etwa mit Tags wie Slow Burn Romance in einer düsteren Magierakademie oder queere Urban Fantasy mit Enemies-to-Lovers-Dynamik.
Solche Begriffe sind aussagekräftiger und helfen sowohl Autor:innen als auch Leser:innen, die richtige Geschichte zu finden.

„Romantasy“ braucht ein Update

Romantasy ist kein sinnvolles Genre, sondern ein Marketingbegriff mit schwammigen Konturen. Wer anspruchsvolle Fantasy sucht oder echte emotionale Tiefe in romantischen Erzählsträngen, wird mit dem Label allein wenig anfangen können. Es ist Zeit, die Genrebezeichnung zu hinterfragen – und Raum zu schaffen für differenziertere Begriffe, die der Vielfalt romantischer und fantastischer Literatur wirklich gerecht werden.

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Steffi Bauer
Steffi Bauer
Guest
9 Months ago

Hallo RoXXie,
ich hoffe, du hast einen schönen Urlaub. Endlich komme ich auch mal dazu, mir den Beitrag durchzulesen und ich kann dir nur zustimmen.
Mich persönlich trifft dieses Problem ja auch immer. An sich lese ich gerne Geschichten, die meist in die Romantasy fallen, aber es nervt mich immer total, wenn der Fokus auf die Liebesgeschichte gelegt wird und der Rest nur Nebenschauplatz ist. Umgekehrt gefällt es mir meist sehr gut, auch wenn ich oftmals auch gar keine Liebesgeschichte brauchen würde.
Aber ja, ich habe mir da auch schon oft eine bessere, genauere Bezeichnung gewünscht, aus der klar offensichtlich wird, wie groß der Fokus auf die Liebesgeschichte ist, oder nicht.
Liebe Grüße,
Steffi vom Lesezauber

Aleshanee
Aleshanee
Guest
9 Months ago

Schönen guten Morgen RoXXie!

Ja, die Genre Bezeichnungen ^^ Ich denke mittlerweile gar nicht mehr allzu viel darüber nach, weil hier wirklich viele Unterschiede in der Wahrnehmung und auch im Verständnis liegen und ich mach es mittlerweile so, dass ich meine gelesenen Bücher in die Genres packe, die ich selbst dafür für richtig halte 😀

Romantasy finde ich für mich sehr praktisch, weil ich keine Lust auf romantisches habe. Das mag durchaus oft falsch sein, weil die Geschichte vielleicht weniger Romance beinhaltet als ich es dann vermute, aber wenn ich dann die Klappentexte lese merke ich recht schnell ob es mich anspricht oder nicht. Aber auch hier kann natürlich alles etwas in die Richtung gedreht werden, die der Verlag gerne haben möchte. Genauso wie mit den Covern. Da gibt es einige die ich direkt meide, wenn ich sie sehe, weil ich genau das dahinter vermute, was mir das Cover sagt…

Nach irgendetwas muss man ja auch auswählen, was man sich näher anschaut…
Natürlich gibt es eine Menge Unterkategorien, wie du schon schreibst. Aber das gibt es bei jedem Genre. Viele sagen sie lesen keinen Horror, oder keine Science Fiction – und auch hier gibt es sehr viele Untergenres, die völlig anders sind, als gedacht. Horror muss kein Gemetzel sein und Science Fiction keine Weltraum Geschichte – nur so als Beispiel 😉

Genres sind zur Orientierung gut, aber man sollte sich das Buch immer noch etwas genauer anschauen. Oder Rezensionen lesen. So mach ich das halt inzwischen.
Ich weiß nicht, ob es etwas bringen würde, alles noch genauer zu betiteln und zu bezeichnen, ich möchte mich manchmal auch einfach überraschen lassen und nicht schon vorher wissen ob die Geschichte in einer „Dark Academy“ spielt, oder ob es sich um eine „Enemy to lovers“ Beziehung handelt. Anscheinend springen da viele drauf an und kaufen danach… und die Verlage nutzen das aus.

Ich kann mich immer noch an George R. R. Martin erinnern – in seinem letzten Traumlieder Buch (Kurzgeschichten) hat er das Thema angeschnitten. Ich hab dir mal einen Ausschnitt aus meiner Rezension kopiert:

Im nächsten Abschnitt geht es um die Definition der Genres: was ist Science Fiction, was ist Fantasy und warum ist es überhaupt wichtig, alles und jedes in bestimmte Kategorien einzuteilen – und wie beeinflusst das den Verlag und damit die Entwicklung des Autors. Ich konnte gar nicht glauben, wie viele Steine einem dadurch in den Weg gelegt werden können, wenn die Handlung scheinbar nicht in die vorgegebene Klassifizierung passt. Mit einer schönen Aussage, dass man jede Geschichte so ummodeln und in jedes beliebige Genre packen kann, hat George Martin den Widerspruch des ganzen klar hervorgehoben.

„Wir können uns alle möglichen Definitionen für die Science-Fiction-, Fantasy- und 

Horror-Literatur ausdenken. Wir können Grenzen ziehen und Etiketten beschriften, 

doch am Ende kommt immer die gleiche alte Geschichte raus, 

die vom Herz des Menschen im Widerstreit mit sich selbst handelt.“ S. 382

Liebste Grüße, Aleshanee

Aleshanee
Aleshanee
Guest
Reply to  RoXXie
9 Months ago

Ich finde die Bezeichnung auch zu allgemein, wie auch andere Genrebezeichnungen und ja, für mich sind sie definitiv ein Rotes Tuch 🙂
Wie viel Romantik ich hier erwarte… das kann ich gar nicht so beurteilen – denn mich stört tatsächlich auch, wenn es weniger Anteil hat. Es kommt immer ganz darauf an.

Ich hab z. B. grade die Spellbound Reihe von Annette Marie angefangen, die ja von vielen begeistert gelesen wird. Band 1 hab ich auch echt gut gefunden und bin da sozusagen durchgeflogen, und hier haben mich die gutaussehenden Jungs auch nicht so sehr gestört. Ab und an definierte Muskeln oder ein „heiß aussehen“ ist für mich noch erträglich. Bei Band 2 kam es in einer Szene aber vor, die für mich so unpassend war, dass ich das Buch direkt abgebrochen habe.
Das lag nicht nur an der Szene, sondern natürlich auch an mehr Details – aber ich hab einfach keine Lust wenn Typen auftauchen, über ihr heißes Aussehen oder irgendwelche Muskeln oder ihr Sixpack zu lesen xD Da bin ich einfach raus.

Dass dieser Stempel „Romantasy“ auch auf Fantasygeschichten gepackt wird, die wenig solcher Anteile haben, also nur zum Vermarkten, ist natürlich doof. Zieht aber vielleicht auch ein Publikum an, die bei „High Fantasy“ vielleicht nicht zugegriffen hätten und dadurch dieses Genre besser kennenlernen?

Ich bin ja selber z. B. auch immer noch sehr auf Fourth Wing gespannt. Die Romantik soll ja hier eher nebensächlich sein (wobei ich hier ja genau diese typische Jugendsprache meine, die ich oben erwähnt habe, was an sich für mich jetzt mit Romantik eh nicht viel zu tun hat), aber ich bin da einfach recht schnell genervt…

Es ist schwierig mit den Genres, weil es einfach zu viele „Unterarten“ gibt. Ich bin gespannt wie sich das noch weiter entwickeln wird.

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