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Kolumne

Verführt statt erzählt: Warum diese Geschichten an Tiefe verlieren | Kolumne

Ein Genre (Trend) wie aus dem Marketingbaukasten

Es gibt literarische Begriffe, die klingen, als hätte man sie in einem Marketinglabor gezüchtet; geschniegelt, gebügelt und poliert, bis sie endlich perfekt verkäuflich sind. Romantasy gehört für mich genau in diese Kategorie. Ein Wort, das sich weich und verheißungsvoll gibt, aber inhaltlich oft wie ein aufgeblasener Ballon wirkt: viel Oberfläche, wenig Substanz und bei genauerem Hinsehen entweicht die Luft mit einem leisen, enttäuschenden Zischen.

Was mich an diesem Genre – oder nennen wir es ruhig beim Namen: an diesem Trend – zunehmend irritiert, ist die Art, wie Handlung durch Sex ersetzt wird. Nicht ergänzt, nicht organisch verwoben, sondern ersetzt. Szenen, die eigentlich Spannung tragen sollten, die Figurenentwicklung vorantreiben könnten, werden stattdessen zu einem Vorwand für körperliche Eskalation benutzt.

Und das dann noch nicht einmal gut getimt: Da wird sich geliebt, während jemand gerade erst eine schwere Verletzung überstanden hat, kaum genäht (oder teilweise durch Blut genährt/geheilt), kaum bei Kräften, aber offenbar noch ausreichend energiegeladen für leidenschaftliche Bettakrobatik. Dramaturgisch ist das ungefähr so sinnvoll wie ein Feuerwerk mitten in einer Beerdigungsszene. Man fragt sich unweigerlich: Warum jetzt?

Wenn Intimität zur erzählerischen Lückenfüllung wird

Diese inflationäre Verwendung von Intimität wirkt nicht wie ein bewusst gesetztes Stilmittel, sondern eher wie erzählerisches Füllmaterial. Wenn die Handlung ins Stocken gerät, wird eben eine solche Szene eingeschoben, als wäre sie literarische Spachtelmasse. Das Problem dabei ist nicht die Existenz solcher Szenen an sich, sondern ihre Austauschbarkeit und ihre Häufung an Stellen, an denen sie weder emotional noch narrativ tragen.

Hinzu kommt ein wiederkehrendes Figurenmuster, das sich fast schon wie ein Baukasten liest: eine junge Frau, oft zwischen 17 und 24, trifft auf ein uraltes, übermächtiges Wesen. Fae, Vampir, Schattenkrieger, je nach Geschmack austauschbar, solange er geheimnisvoll, dominant und gefährlich wirkt.

Was folgt, ist selten ein gleichberechtigtes Kennenlernen, sondern häufig eine Dynamik, die stark nach Manipulation riecht. Die Protagonistin wird hineingezogen in eine Beziehung, deren Fundament weniger aus gegenseitigem Verständnis besteht als aus körperlicher Anziehung und einer fast schon übertriebenen Emotionalität.

Liebe im Zeitraffer und Gefühle im Dauergewitter

Und genau hier beginnt mein Unbehagen. Das Wort „Liebe“ fällt oft erschreckend früh, als hätte man es auf die erste Seite gestempelt, damit es bloß niemand übersieht. Gefühle werden in einer Intensität dargestellt, die eher wie ein Dauergewitter wirkt als wie ein nachvollziehbarer emotionaler Prozess.

Alles ist maximal: das Verlangen, die Hingabe, das Leiden. Differenzierung? Fehlanzeige. Es ist, als würde man mit einem Textmarker über jede Emotion fahren, bis nichts mehr subtil ist. Jede Regung wird zum Drama, jede Begegnung zur Schicksalsfrage.

Diese Überzeichnung nimmt den Figuren die Glaubwürdigkeit. Denn echte emotionale Entwicklung braucht Zeit, Reibung, Zweifel. Wenn aber jede Empfindung sofort auf hundert Prozent hochgedreht wird, bleibt keine Fallhöhe mehr, kein Raum für leise Töne.

Problematische Botschaften für junge Leserinnen

Besonders problematisch finde ich die implizite Botschaft, die solche Geschichten vermitteln können – gerade an jüngere Leserinnen. Die Idee, dass Erfüllung darin besteht, von einem dunklen, geheimnisvollen Mann „gerettet“ zu werden, der über gefährliche Kräfte verfügt und moralisch irgendwo im Zwielicht operiert, ist nicht neu.

Doch in dieser geballten Form, kombiniert mit der schnellen sexuellen Verfügbarkeit der Protagonistin, wirkt sie wie eine Fantasie, die wenig Raum für Selbstbestimmung lässt. Die Heldin wird nicht selten zur Projektionsfläche, zur Figur, die reagiert, statt zu agieren.

Und ja, das führt bei mir zu Augenrollen. Denn Frauenfiguren können mehr. Sie können kämpfen, zweifeln, wachsen, Entscheidungen treffen und Fehler machen. Sie müssen nicht erst gebrochen oder naiv dargestellt werden, um dann „gerettet“ zu werden.

Warum werden Heldinnen so klein geschrieben?

Was mich zusätzlich irritiert, ist die Tatsache, dass viele dieser Geschichten von Autorinnen geschrieben werden. Das wirft Fragen auf. Warum werden Protagonistinnen so oft kleingemacht, emotional überzeichnet oder in Abhängigkeiten geschrieben, die wenig gesund wirken?

Natürlich kann man argumentieren, dass es sich um Fantasie handelt, um Eskapismus, um das Spiel mit archetypischen Mustern. Aber selbst innerhalb von Fantasie gibt es Spielräume für Nuancen, für Stärke, für komplexe Beziehungen.

Dieses wiederkehrende Motiv des „naiven Dummchens“, das erst durch die Begegnung mit einem überlegenen männlichen Gegenpart Bedeutung erhält, wirkt wie ein Rückschritt. Es ist, als würde man alten Rollenbildern ein neues, glitzerndes Kostüm anziehen und hoffen, dass niemand den Schnitt darunter erkennt.

Wenn Worte sich in Emotion verlieren

Auch stilistisch fällt mir auf, dass häufig eine gewisse Überdehnung stattfindet. Kleinste Emotionen werden seitenlang ausgebreitet, jedes Zucken, jeder Blick, jede Berührung wird in schmachtenden Beschreibungen zerlegt, als würde man ein Mikroskop auf Gefühle richten.

Das kann funktionieren, wenn es gezielt eingesetzt wird. Doch wenn jede Regung zur epischen Szene aufgeblasen wird, verliert selbst das Intensivste irgendwann an Wirkung. Es ist, als würde man ständig auf höchster Lautstärke sprechen – irgendwann hört niemand mehr wirklich zu.

Am Ende bleibt bei mir der Eindruck eines Genre-Trends, der sich selbst ein wenig im Weg steht. Die Zutaten sind da: Magie, Konflikt, große Gefühle. Aber statt daraus vielschichtige Geschichten zu weben, wird oft auf schnelle Reize gesetzt. Und ohne Entwicklung fehlt das, was Geschichten eigentlich tragen sollte: Tiefe.

Wann habt ihr zuletzt ein Fantasybuch mit Romance gelesen, die euch emotional überzeugt hat – und warum hat sie funktioniert?
Habt ihr das Gefühl, dass intime Szenen in aktuellen Fantasy-Liebesgeschichten die Handlung bereichern oder eher ersetzen?
Welche Art von weiblichen Figuren möchtet ihr in Zukunft häufiger lesen: die Gerettete – oder die, die selbst zur Retterin wird?

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Aleshanee
Aleshanee
Guest
1 Month ago

Hi RoXXie 🙂

Joa, dieser Trend läuft schon lange an mir vorbei xD Ich erinnere mich, dass ich vor … ungefähr 10 Jahren? gemerkt habe, dass mir die Romantik in Jugendbücher – also Jugend-Fantasy Büchern – überhand nimmt. Einiges hab ich noch gerne gelesen, was von Marah Woolf, Jennifer Armentrout usw. also diese Richtung. Da hatten die Bücher den Beinamen „Romantasy“ noch gar nicht. Zumindest nicht, dass ich mich daran erinnere.
Ich weiß nur, dass mir das meiste, was ich in dieser Richtung gelesen habe, zu seicht und schnulzig war – und mit zu vielen Muskeln gespickt, da haben wir ja schon drüber gesprochen xD
Meine Abwehr gegen alles in dieser Richtung rührt daher, denke ich. Damals war alles irgendwie so ähnlich, eben mit dem dunklen, männlichen Part, der böse ist, und das Mädchen, das nicht unbedingt gerettet werden muss, aber sich natürlich unsterblich in ihn verliebt usw. Immer das gleiche. Und immer ohne gewisse Tiefe. Zumindest nicht für mich spürbar.

Deshalb mache ich da einfach einen großen Bogen, wenn es nur scheint, dass es in diese Richtung geht.

Wie du Jennifer unten schon geantwortet hast: Epische bzw. High Fantasy bietet da für mich um einiges mehr, weil da für mich viel mehr drin steckt, mit dem ich was anfangen kann, mitdenken, mitleiden, das etwas auszusagen hat. Nicht nur von der Welt, der Gesellschaft, sondern auch den Charakteren.

Dass es jetzt wohl auch noch so viele Sex-Szenen gibt … da komme ich mit dem uralten Spruch daher: Sex sells. War schon immer so und bleibt uns auch wohl noch erhalten.
Wobei ich solche überbordernden Gefühle schon kenne wenn man frisch verliebt ist, gerade dann hat man ja die rosarote Brille auf und befindet sich in einem mega Gefühlschaos, das verstehe ich 🙂 Ich weiß halt nicht wie es in diesen Büchern rüber gebracht wird. Es klingt auf jeden Fall so als wäre es nicht nachvollziehbar und nur Lückenfüller der Handlung.

Liebste Grüße, Aleshanee

Aleshanee
Aleshanee
Guest
Reply to  Aleshanee
1 Month ago

Guten Morgen! Ich hab deinen Beitrag heute auch direkt in meiner Stöberrunde verlinkt 🙂

Aleshanee
Aleshanee
Guest
Reply to  RoXXie
1 Month ago

Ja, ich weiß was du meinst, sowas mag ich auch überhaupt nicht. Und es vermischt so viele Bücher, was es echt schwierig macht rauszufinden, wo jetzt was drin ist. Auch bei goodreads wenn ich schaue, sind Bücher so oft von den Nutzern auch mit „Romantasy“ getaggt – was für mich einfach direkt abschreckend ist. Aber da weiß ich halt auch nicht: machen sie es weil es wirklich so ist, oder weil es mittlerweile üblich ist das überall dazu zu schreiben

Jennifer
Guest
1 Month ago

Liebe RoXXie,

Ein sehr schön geschriebener Artikel, der genau beschreibt, warum ich immer mehr das Interesse an Romantasy verliere.
Vieles in den Büchern wirkt gehetzt, vorhersehbar und emotional völlig überdreht. Die Figuren hätten eigentlich Potenzial, landen aber oft in Rollen, die sich nur darum drehen, dem männlichen Love Interest zu gefallen.
Ich wünsche mir Geschichten, in denen Beziehungen wirklich wachsen dürfen und Frauen mehr tun als im Plot hin‑ und hergeschoben zu werden. Wenn schon „Romantasy“ draufsteht, dann sollte auch eine echte Romanze drin sein – mit Aufbau, Entwicklung und glaubwürdigen Momenten.
Bei manchen Titeln reiht sich eine Bettszene an die nächste, sodass man fast erleichtert ist, wenn zwischendurch mal ein paar Seiten Handlung auftauchen. Wenn ich nur oberflächlichen Sex lesen möchte, greife ich zu etwas aus der Smut‑Ecke.
Fantasy kann eigentlich so viel – schade, wenn alles am Ende an zu viel Körperkontakt und zu wenig Story scheitert.

Liebe Grüße,
Jennifer

Jennifer
Guest
Reply to  RoXXie
1 Month ago

Hallo RoXXie,

danke dir für deinen ausführlichen Kommentar – ich finde es immer spannend, wenn jemand das Thema so differenziert aufdröselt.
Mit dem Begriff Romantasy hadere ich tatsächlich auch oft, auch wenn ich solche Geschichten grundsätzlich gerne lese. Meistens abends, wenn endlich Ruhe eingekehrt ist und ich etwas Leichtes brauche. Das Fantasy‑Setting ist dabei häufig wenig bis gar nicht ausgearbeitet. Rebecca Yarros hat für mich die Balance allerdings gut getroffen. Fourth Wing und die Nachfolger haben von mir alle 5 Sterne bekommen – die Welt mit den Drachen, dem War College und allem drumherum fand ich wirklich gelungen. Leider gibt’s in dem Bereich mehr Flops als Tops. Einer dieser Flops war für mich kürzlich The Witch Collector. Da ist die Welt meiner Meinung nach fast komplett zugunsten der Protagonisten auf der Strecke geblieben, obwohl ich große Hoffnungen hatte – gerade weil die Protagonistin nicht sprechen konnte und ihre Kräfte über Gebärden beschworen hat.
Deinen Punkt zu Smut kann ich gut nachvollziehen. Letztes Jahr hatte ich eigentlich viele Highlights aus dieser Ecke und hatte das schon fast verdrängt. Vielleicht ist das tatsächlich ein guter Anlass, mein Buchjournal mal wieder hervorzuholen und ein paar Rezensionen nachzutragen.
Maas hatte ich zwar schon länger auf dem Schirm, aber bisher noch nichts von ihr gelesen. Nach deiner Beschreibung werde ich mir ihre Reihen auf jeden Fall einmal näher ansehen.
Danke dir für deine Gedanken – solche Gespräche machen für mich den Reiz am Buchbloggen aus.

Liebe Grüße,
Jennifer

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