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Hörbücher zählen nicht

Hörbücher zählen nicht? — Ein Blick auf Ableismus, Literaturbegriff und Wissenschaft

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Was bedeutet „ein Buch lesen“ eigentlich?

Die Debatte taucht mit der Zuverlässigkeit eines schlecht gelaunten Weckers immer wieder auf: Zählen Hörbücher als „gelesene Bücher“? Für manche scheint die Antwort glasklar zu sein. Nein. Gelesen werde nur, was mit den Augen über Papier oder Bildschirm wandert. Alles andere sei Konsum light, Literatur im Schonwaschgang. Diese Haltung ist nicht nur verkürzt, sondern problematisch. Und ja, sie ist ableistisch1Ableismus bezeichnet die Diskriminierung, Abwertung und Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung oder Beeinträchtigung, indem deren Fähigkeiten und Wert anhand von gesellschaftlichen Vorstellungen von „Normalität“ beurteilt werden, was zu Barrieren in Bildung, Arbeit und sozialem Leben führt. Es ist ein System, das Menschen auf ihre Behinderung reduziert, sie als weniger fähig ansieht und unbewusst oder bewusst Benachteiligungen schafft, ähnlich wie Rassismus oder Sexismus.

Literatur ist älter als das stille Lesen

Zunächst lohnt ein Blick auf den Literaturbegriff selbst. In der Literaturwissenschaft und im Feuilleton ist „das Lesen von Büchern“ keineswegs strikt auf die physische Tätigkeit des visuellen Lesens beschränkt. Gemeint ist in der Regel die Rezeption eines literarischen Werks. Also das Aufnehmen, Verarbeiten und Verstehen von Inhalt, Sprache, Struktur, Figuren, Themen und Kontext.

Historisch betrachtet ist das sogar offensichtlich: Literatur war über Jahrhunderte primär mündlich. Epen wurden vorgetragen, Geschichten erzählt, Gedichte rezitiert. Niemand wäre auf die Idee gekommen zu behaupten, ein Zuhörer der Ilias habe Homer nicht „wirklich gelesen“. Der heutige enge Fokus auf das Auge ist kulturell jung und technisch bedingt, nicht literarisch notwendig.

Medium verwechselt: Buch vs. Trägermaterial

Wenn also jemand sagt, Hörbücher seien keine „echten“ Bücher, dann wird ein Medium mit dem Werk verwechselt. Das ist, als würde man behaupten, ein Konzert sei weniger Musik, weil man die Noten nicht selbst vom Blatt gespielt hat.

Bücher sind Inhalte. Sprache. Bedeutung. Keine Sehprüfung.

Warum der Ausschluss von Hörbüchern ableistisch ist

Der ableistische Kern dieser Haltung wird deutlich, sobald man an Menschen denkt, die aus unterschiedlichsten Gründen nicht oder nur eingeschränkt lesen können: Menschen mit Sehbehinderungen, mit Dyslexie, mit ADHS, mit chronischer Erschöpfung, mit neurologischen Erkrankungen oder schlicht mit anderen kognitiven Voraussetzungen. Hörbücher sind für viele kein Luxus, sondern der primäre Zugang zu Literatur.

Wer diesen Zugang abwertet, erklärt implizit auch diese Rezeption für minderwertig. Das ist kein intellektueller Anspruch, das ist Ausgrenzung mit Bildungsjargon.

Lesen und Hören fordern das Gehirn unterschiedlich

Ein weiteres gern genutztes Argument lautet: Hören sei einfacher als Lesen. Auch das hält einer genaueren Betrachtung nicht stand. Die Kognitionswissenschaft zeigt, dass Lesen und Hören unterschiedliche Anforderungen an das Gehirn stellen. Beim Lesen kontrollieren wir das Tempo selbst. Wir können zurückspringen, innehalten, Sätze mehrfach lesen.

Beim Hören hingegen ist der Informationsfluss kontinuierlich. Wer abschweift, verliert den Anschluss. Das erfordert eine andere Form von Aufmerksamkeit, oft sogar eine höhere Daueraufmerksamkeit.

Ist Hören wirklich „leichter“? Ein Blick in die Wissenschaft

Studien zur Sprachverarbeitung zeigen, dass gesprochene Sprache stärker sequenziell verarbeitet wird. Das Arbeitsgedächtnis ist stärker gefordert, da Informationen nicht visuell „liegen bleiben“. Besonders bei komplexen Texten, langen Sätzen oder abstrakten Argumentationen kann das Hören anspruchsvoller sein als das Lesen.

Lesen wiederum erfordert stärkere visuelle Dekodierung und orthografische Verarbeitung. Was „einfacher“ ist, hängt also stark von der Person, dem Texttyp und der Situation ab.

Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis und Kontrolle

Interessant ist auch: Das Textverständnis unterscheidet sich bei Lesen und Hören oft weniger stark als angenommen. Viele Untersuchungen kommen zu dem Ergebnis, dass das inhaltliche Verständnis vergleichbar ist, solange Rahmenbedingungen stimmen. Ruhige Umgebung, passende Geschwindigkeit, ausreichende Aufmerksamkeit.

Wer behauptet, Hören sei automatisch oberflächlicher, argumentiert eher aus dem Bauchgefühl heraus, als aus wissenschaftlicher Grundlage.

Die zusätzliche Ebene der Interpretation im Hörbuch

Hinzu kommt ein oft übersehener Aspekt: Hörbücher bringen eine zusätzliche Interpretationsebene mit. Betonung, Rhythmus, Pausen, Stimmfarbe. Eine gute Lesung kann Nuancen sichtbar machen, die beim stillen Lesen übersehen werden. Das ist kein Mangel, sondern eine andere ästhetische Erfahrung.

Nicht besser, nicht schlechter. Anders.

Warum diese Debatte überhaupt geführt wird

Am Ende bleibt festzuhalten: Die Frage sollte nicht lauten, ob Hörbücher „zählen“. Sie sollte lauten, warum wir überhaupt zählen wollen. Literatur ist kein Leistungssport und kein Statussymbol. Wer Bücher liest oder hört, tritt in einen Dialog mit Texten, Ideen und Welten. Das Medium ist dabei Mittel zum Zweck, nicht der Maßstab für Wert.

Vielleicht ist es an der Zeit, das Gatekeeping ins Regal zu stellen und sich wieder dem zuzuwenden, worum es eigentlich geht: Geschichten, Gedanken und die vielen Wege, auf denen sie uns erreichen können. 📚🎧

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    Ableismus bezeichnet die Diskriminierung, Abwertung und Ausgrenzung von Menschen mit Behinderung oder Beeinträchtigung, indem deren Fähigkeiten und Wert anhand von gesellschaftlichen Vorstellungen von „Normalität“ beurteilt werden, was zu Barrieren in Bildung, Arbeit und sozialem Leben führt. Es ist ein System, das Menschen auf ihre Behinderung reduziert, sie als weniger fähig ansieht und unbewusst oder bewusst Benachteiligungen schafft, ähnlich wie Rassismus oder Sexismus
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LeseWelle
Buddy
2 Months ago

Hallo Roxxie,
ein interessanter Beitrag. Die Diskussion ist an mir vollkommen vorbeigegangen. Ich zähle zwar Hörbücher nicht zu meinem SuB, aber zu meinen beendeten Büchern. Du hast es schön ausgedrückt, es ist ja nur ein anderes Medium, aber der Inhalt bleibt ja derselbe.
Vor allem höre ich mir lustige Geschichten lieber an, da für mich der Witz durch die Sprache besser rüberkommt. 🙂
Liebe Grüße
Diana

Aleshanee
Guest
2 Months ago

Schönen guten Morgen!

Interessant … denn ich hab das so tatsächlich noch nirgends gelesen/gehört oder wahrgenommen, also eine Diskussion darüber. Für mich zählen Hörbücher genauso dazu, auch wenn ich selbst ja lieber zum Buch greife. Einfach weil es für mich schwieriger ist, mich zu konzentrieren, wenn ich es „nur“ höre. Wie du schon sagst ist das sehr unterschiedlich und manche müssen auf Hörbücher zurückgreifen. Deshalb ist es super, dass es dieses Medium gibt 🙂

Ich hab deinen Beitrag heute gerne in meiner Stöberrunde verlinkt!

Liebste Grüße, Aleshanee

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